Projektbesuche von Ruth Calderón

REHASWiSS-Projektbesuche in Kerala, im Januar 2015

Anlässlich unserer Reise nach Südindien hatten meine Schwägerin und ich Gelegenheit, zwei Projekte von REHASWiSS vor Ort kennenzulernen. Unter Leitung von Josef Aerthott besuchten wir zwei Familien in der Nähe von Kottayam. Im Begleitteam waren weiter zwei Projektmitarbeiterinnen:

Marykulti Mathey von CHASS, dem Sozialdienst der katholischen Kirche, einer Partnerorganisation von REHASWiSS. Sie koordiniert eine lokale Selbsthilfegruppe für Menschen mit Behinderungen.

Gigi, Mitarbeiterin bei ASHA-Talentförderung, sie stellt den Kontakt zu den behinderten Projektbeteiligten sicher und macht Hausbesuche. Sie bringt den Heimarbeiterinnen jeweils die Nähmaterialien (zugeschnittene Stoffe und passenden Faden) nach Hause und holt die erstellten Näharbeiten wieder ab.

Zu den Rahmenbedingungen gehörte, dass wir den beiden Projektbeteiligten, die wir besuchen durften, und die bereit waren, uns ihre Türen zu öffnen, auch eine persönliche Spende überreichen.

Die Umgebung von Kottayam ist geprägt vom Grün der tropischen Bäume, es ist eine Region mit ländlichem Charakter. Beide Familien, die wir besuchten, wohnen je in einem eigenen, einfachen Haus, umgeben von einigen Nachbarhäusern und einer vielfältigen Vegetation mit Palmen, Gemüse- und Früchte-Pflanzungen.

Besuch bei der Näherin Susamma – Projekt ASHA

asha1Nach einer Fahrt durch einige schmale Strässchen den Berg hinauf und um verschiedene Ecken herum gelangen wir zum Haus von Susammas Familie. Wir werden empfangen von Susamma, ihrer Schwiegermutter und der 17-jährigen Tochter. Der 14-jährige Sohn ist in der Schule.

Susamma ist 40 Jahre alt und gehörlos. Als 2-jährige verlor sie nach einer missglückten Ohrenoperation wegen einer Infektion ihr Gehör. Nach 10 Schuljahren konnte sie wegen ihrer Behinderung nicht weiter studieren. Sie lernte nähen und führt seither Näharbeiten aus. Die Aufträge kommen aus der Nachbarschaft. Susamma zeigt uns stolz die Geschirrtücher aus farbigem Baumwollstoff, die sie für das ASHA-Projekt näht. Pro Stück erhält sie 15 Rupies. Bei unserem Besuch ist die Nähmaschine jedoch kaputt. Das Problem kann gelöst werden, es braucht eine kleine Reparatur, für welche REHASWiSS aufkommen wird. Mittlerweile hat sich Susamma bereits anders organisiert, um ihrer Arbeit trotzdem weiter nachgehen zu können. Sie kann bei einer Nachbarin deren Nähmaschine benutzen.

Der Ehemann kommt auch noch hinzu, begrüsst uns und entschuldigt sich wegen seiner mit Farbe beklecksten Arbeitskleider. Er ist ebenfalls gehörlos. Er hat einen Arbeitgeber gefunden, der ihn als Maler angestellt hat, obwohl er wegen seiner Behinderung aus Sicherheitsgründen keine Malerarbeiten auf hohen Gerüsten ausführen kann.

Die sechsköpfige Familie wohnt in einem hübschen, erdgeschossigen Haus mit Küche und aneinander gereihten Zimmern. Alles ist sauber geputzt und ordentlich. Das Haus ist ein Geschenk der Schwester des Mannes, welche als Nonne in einem christlichen Kloster lebt. Die Schwiegereltern von Susamma leben ebenfalls mit der Familie. Die Kinder sind nicht behindert und besuchen beide noch die Schule.

Die Familie lebt hauptsächlich vom Einkommen des Ehemannes von Susamma und vom Hilfsarbeiterlohn des Schwiegervaters. Die Näharbeiten von Susamma tragen ebenfalls zum Einkommen der Familie bei und ermöglichen einen verbesserten Lebensstandard. Dies fällt umso mehr ins Gewicht, als die Schulausgaben für die Kinder in dieser Region einen gewichtigen Teil des Haushaltseinkommens ausmachen.

Nachdem wir einen feinen Masala-Tee getrunken haben, werden wir beim Abschied auch noch mit frischen Ananasfrüchten vom Hain direkt vor dem Haus beschenkt.

Besuch bei Sherif, dem Inhaber eines kleinen Quartierladens

Bei unserer Ankunft werden wir schon erwartet von Sherif, seiner Frau Sheeja und dem Sohn. Sherif ist mit 2-jährig an Polio erkrankt und deshalb gehbehindert. Er hat keine Schule besucht und kann nicht lesen und schreiben. Mit der Hilfe seiner Frau kann er trotzdem einen Quartierladen führen. Vor 2003 war der Laden sehr klein. Dann konnte Sherif mit einem Mikrokredit über 10‘000 Rupies dank REHASWiSS den Laden erweitern. Seither kann er mehr Einnahmen generieren und den Mikrokredit konnte er bereits zurückzahlen. Sherif bekommt zudem eine kleine Invalidenrente von 500 Rupies pro Monat. (Zum Vergleich: Ein Hilfsarbeiter verdient 700 Rupies pro Tag). Die Tageseinnahmen des Ladens betragen durchschnittlich 250 Rupies. Dank dem Umstand, dass Sherif und seine Familie teilweise Selbsternährer sind, kommen sie über die Runden.

Das Grundstück und das Haus mit zwei Zimmern gehören ihnen. Was noch fehlt, ist eine eigene Toilette. Zurzeit kann die Familie diejenige im Haus des Bruders von Sherif benutzen, der gerade nebenan wohnt. Für den gehbehinderten Sherif ist dieser Umstand eine zusätzliche Belastung. Doch bevor ein Ausbau des Hauses drinn liegt, müssen noch 45‘000 Rupies Schulden für Darlehen vom Hausbau zurückbezahlt werden. Diese Darlehen mit reduziertem Zins haben sie beim Frauenverein von Kerala und beim indischen Staat erhalten.

Sherif und Sheeja sind stolz auf ihre Kinder, welche gut in der Schule sind. Beide haben Stipendien resp. Schulgelderlasse erhalten. Sie besuchen, wie viele andere Kinder in Kerala, private oder halbprivate Schulen. Für den 13-jährigen Sohn müssen sie nur die Hälfte des Schulgeldes bezahlen und für die 18- jährige Tochter, welche das 11. Schuljahr besucht, nur die Schulbücher.

Sherif besucht die lokale Selbsthilfegruppe von CHASS, welche allen behinderten Personen, unabhängig von der Religionszugehörigkeit, offen steht. Die fünf Gruppenmitglieder treffen sich einmal wöchentlich zum Austausch über soziale und Alltagsfragen. Sie erhalten da u.a. auch Informationen zu Darlehensmöglichkeiten. Dies im Hinblick auf nachhaltige Investitionen um ihre Lebenssituation zu verbessern.

Schlussbemerkung

Unsere Wahrnehmung der Realitäten vor Ort und Eindrücke bei diesen Besuchen sind geprägt von unserem eigenen Erfahrungshintergrund. Meine bolivianische Schwägerin ist Sozialarbeiterin an einer Schule für behinderte Kinder in El Alto – La Paz. Wir kamen deshalb nicht umhin, einen Vergleich mit den Realitäten in Bolivien zu ziehen. Meine Schwägerin arbeitet mit sehr armen Familien, welchen es oft an elementarsten Dingen fehlt.

Die Lebenssituationen der beiden Familien, die wir in Kerala besucht haben, sind vergleichsweise stabil trotz der Behinderung eines oder beider Elternteile. Sie haben einen bescheidenen Lebensstandard, können aber in Würde und selbstbestimmt leben. REHASWiSS unterstützt die behinderten Personen und ihre Familien so, dass sie aus ihren eigenen Ressourcen etwas machen können, dass sie selber zur Verbesserung ihres Lebensstandards beitragen können. Dies ist sehr sinnvoll. Dies zu sehen, macht Freude und ist eine Ermutigung, weiter auf diese partnerschaftliche Weise Solidarität mit behinderten Menschen zu üben.

Ruth Calderón-Grossenbacher, Januar 2015